DANi SCHNIDER RADSPORT

Erfahrung aus 10 Jahren Profisport

Selbst wenn ein Rennen nicht sonderlich aggressiv gefahren wird. Lange Steigungen, wiederholte Tempoverschärfungen und Rhythmuswechsel zehren irgendwann an den Kräften. Gruppen formieren sich und lösen sich wieder auf, denn jeder Fahrer erfährt während des Rennens Perioden der Brillianz und Perioden des Kollapses. Und manchmal passieren diese Phasen während der gleichen Steigung. Wer hat nicht schon erlebt, dass der fast vom Rad fallende Mitstreiter, den man einholt, überholt und stehen lässt, und schliesslich weit hinter sich glaubt, plötzlich nicht nur wieder da ist, sondern sogar munter an einem vorbeizieht? Was passiert da genau? ds fahrerfeld abgeh

Es ist einfach zu sagen, dass es einen "verbläst" weil man den Motor überdreht hat, und "zuviel Laktat" sich angesammelt hat. Stimmt natürlich, aber es ist noch nicht die ganze Wahrheit. 

 

An heissen Tagen ist etwas, was man selten beachtet die Körper-Kerntemperatur. Sie steigt kontinuierlich an. Der Effekt auf die Leistung ist nicht unmittelbar. Aber langsam verleidet die Lust aggressiv zu fahren und der Output an Leistung wird allmählich (fast unmerklich) weniger. Motivation und Power kommen wieder zurück, wenn es gelingt, die Körper-Kerntemperatur allmählich (nicht sofort!!) zu senken. Übrigens löst eine unmittelbare Senkung der Körper-Kerntemperatur (zum Beispiel wenn überhitzt in eine schattige kalte Abfahrt gefahren wird) häufig Muskelkrämpfe und sofortige Magen-Darmprobleme aus. Langsam kühlen also: Trikot öffnen, etwas Tempo zurücknehmen, (wenn möglich) in kleinen Portionen Wasser über den Kopf und Rücken leeren.. wären geeignete Massnahmen. 

 

Zuwenig oder zuviel Food ist der nächste Grund. Hat man sich vor der Leistung zu gut verpflegt, ist der Körper im Verdauunsmodus und eigentlich daher nicht leistungsbereit. Erzwingen der Leistung geht dann nur kurz gut.

Zuwenig Food: Zuwenig Kohlehydrate im Blut um Treibstoff für die Leistung zu liefern.  Sofort schnellwirksame Energie zuführen (Zucker/Kochsalzhaltige Produkte, möglichst in flüssiger oder halbfester Form). Kochsalz ist WICHTIG: Ohne Kochsalz kann kein Zucker aufgenommen werden. Zucker, der nicht aufgenommen werden kann führt zu Darmkrämpfen und Durchfall. Auch in diesem Falle: Viel bringt nicht unbedingt mehr: Wird eine zu grosse Menge an Energie (Zucker mit Kochsalz etc.)  und Aktivatoren wie z.B. Koffein zugeführt, erfolgt im besten Fall keine zusätzliche Leistungssteigerung, sondern es drohen Verdauungsbeschwerden und ev. Krämpfe. Es braucht mindestens 10-20 Minuten, bis die Wirkungen deutlich spürbar sind!

 

Also... was tun wenn man selber in die "ich bin jetzt dann grad tot"-Situation gerät?

ds trikot offnen
Das erste: KEINE PANIK! Natürlich gibt es nichts Schlimmeres, als zu merken, wie das Hinterrad des Vordermannes langsam davongeht. Doch versuch zuerst einmal ruhig zu bleiben. Widerstehe dem inneren Drängen nachzufahren und so die letzten Kräfte zu verpuffen. Indessen konzentriere dich auf einen (etwas tieferen) Rhythmus so, dass du den Terrainverlust in Grenzen halten kannst. Das erhöht deine Chancen zurückzukommen

 

Zudem: In solchen Limit-Situationen atmen Fahrer oft unkontrolliert. Während du dich auf deinen Tret-Rhythmus konzentrierst, versuch auch deine Atmung bewusst unter Kontrolle zu bekommen. Dies hat nicht nur den Effekt, dass du letztendlich mehr Sauerstoff bekommst und mehr CO2 abatmen kannst, sondern wirkt auch beruhigend auf die übererregte Psyche

 

Falls die Hitze ein Problem ist:Öffne dein Trikot. Trink einen Schluck. Wenn du Wasser im Bidon hast, leere es über deinen Kopf und Rücken

 

Dann.. erst dann musst du dir zwei drei Gedanken über deine Strategie machen. 

Wie du zurückkommst hängt ein bisschen vom Terrain ab, und davon was für ein Typ Fahrer du bist. Wenn du jemand bist, der normalerweise hohe Intensitäten für ganz kurze Zeit fahren kannst, dann spar dir diese Stärke genau für das Ende der Steigung auf: Bis dahin sammle deine Energie, bau dich auch psychisch innerlich auf und versuch den Rückstand in Grenzen zu halten. Kurz vor dem Gipfel, Zügel loslassen, GO! 

Wenn du aber ein Diesel-Fahrer-Typ bist, dann musst du genau das Beschriebene vermeiden. Für dich heisst es: graduell versuchen das Tempo zu erhöhen. Du musst geduldig sein, aber nicht allzusehr, sonst ist die Sache gelaufen. Du wirst graduell deinen Rückstand verkleinern, und natürlich ist es so, dass du "deinen Erfolg" lange nicht "sehen kannst". Das ist unter Umständen etwas frustrierend. Trotzdem: Nicht aufgeben!!! Es funktioniert... !! Es ist wichtig, dass du dich auf diese Situation in einer ruhigen Minute vorbereitest. Denn wenn du im Rennen in die Situation kommst, und das Gefühl kennst, und verstehst, dann erschüttert und demotiviert es dich viel weniger, im Gegenteil: es spornt dich an weiterzumachen.. und es leitet dich an, dass du dir bewusst sagst, dass die Lücke kleiner wird, auch wenn du das von Auge im Moment nicht erkennen kannst.

 

Schliesslich: 

Die Amerikaner sagen: Where's a wheel there's a way (abgewandelt von where's a will there's a way = wo ein Wille, da ein Weg). Sie meinen damit, dass wo noch ein anderes Rad ist, es sich leichter fährt. Wenn du das Glück hast noch ein Gspänli dabei zu haben, dann kommst du leichter zurück. Auch in einer Steigung. ds fahrerfeld